Ein Windpark im Naturparadies


Tausend Bürger kämpfen in Havelberg gegen Windrad-Pläne eines Großkonzerns. Im Domstädtchen prallen Natur, Geld und Macht aufeinander – und bedrohen nicht nur Fledermäuse.

Die Havel fließt westwärts an einem kleinen Berg entlang, wenige Kilometer weiter mündet sie in die Elbe. Auf dem Berg thront ein fast 900 Jahre alter Dom, das Wahrzeichen blickt im Süden auf eine ausgedehnte Auenlandschaft. Das Labyrinth aus Wasser und Land, so groß wie ein Drittel Berlins, ist Heimat hunderter geschützter Tierarten. Nördlich des Doms liegen weite Felder und der Stadtwald. Am Fuße des Hangs ist die Stadtinsel, von der Havel umspült. In ihrer Mitte, umringt von schlängelnden Straßen, steht das Rathaus.

Kurz vor zwölf ist es auf dem Vorplatz still. Es ist der 7. Juli 2025, trotz Sonne steht vor der Bäckerei gegenüber nur ein Tisch – die übrigen sind verkettet. Eine Reporterin mit MDR-Mikro spricht Passanten an: „Sind Sie Windkraftgegner?“ Die Angesprochenen verneinen überrascht. In wenigen Minuten beginnt im Rathaus eine Preisverleihung: Havelberg wird als „Energiekommune des Monats“ ausgezeichnet – für die Planung des „Energieparks Havelberg“. Geplant sind: 25 Windräder.

Das Investitionsvolumen beträgt 350 Millionen Euro. Durchgeführt wird das Projekt von einem internationalen Windkraftkonzern mit Sitz in Bremen: WPD. Das Projekt ist eine Kooperation der Stadtwerke Havelberg mit der WPD. Und eine wichtige Frage schwebt hier über allem: Wer bestimmt über die Landschaft von Havelberg – die 6000 Einwohner oder ein Windkraftkonzern aus Bremen?

Ein Bürgerbegehren wurde abgelehnt

Im Inneren des Rathauses werden Hände geschüttelt, es gibt ein Buffet mit Häppchen und offizielle Fotos. Klack, klack. Der Energieminister Armin Willingmann (SPD), der parteilose Bürgermeister Matthias Bölt und Sebastian Horn von den Havelberger Stadtwerken lächeln in die Kameras. In ihren Händen ein Holzbrett mit der Aufschrift: „Energiekommune des Monats“. Von Windkraftgegnern ist weiterhin keine Spur. Dabei gibt es sie: 1000 Menschen haben ein Bürgerbegehren gegen den Windpark unterzeichnet – dieses wurde aus formellen Gründen abgelehnt.

Martin Teubner, Vorsitzender des Protestvereins Gegenwind, gehörte zu den ersten, die das Begehren unterschrieben. Der 43-jährige Havelberger kennt die Auen wie seine Westentasche, seit seinem 13. Lebensjahr fährt er dort Kanu. Stunden nach der Preisverleihung empfängt er die OAZ zum Gespräch in seiner Druckluftfirma, in Glöwen in Brandenburg, neun Kilometer vom Rathaus entfernt.

Im Besprechungsraum breitet der Unternehmer Karten der Naturschutzgebiete aus, zeigt, wie der geplante Energiepark zwischen mehreren steht: „Hier im Wald sind Schwarzstorchbestände, Horste von Rotmilanen, Seeadlern. Wenn ein Elternteil der Seeadler ums Leben kommt, ist der Horst verloren.“ Die Natur kennt er nicht nur durch Kanufahrten. Er machte auch einen Jagdschein, um sie besser zu verstehen. Im September 2024 lud er den zuständigen WPD-Projektleiter Rami Ramadan auf eine Kanufahrt durch die Auen ein – in der Hoffnung, ihn umzustimmen.

Schon jetzt ist das Geld für Soziales knapp

2022 wählte auch er Matthias Bölt zum Bürgermeister: „Ich hatte Vertrauen.“ Seit der Ablehnung des Bürgerbegehrens wegen Formalien ist er desillusioniert. Die Stadt, meint er, hätte ein neues Begehren initiieren können: „Was passiert sonst mit der Meinung von immerhin 1000 Menschen?“ Teubner glaubt, dass der Windpark längst beschlossene Sache sei: „Warum sonst hält man so krampfhaft an einem Projekt fest, wenn es so viel Gegenwind gibt?“ Der Bürgermeister war früher sein Nachbar, beide lebten im gleichen Gebäude: „Da haben wir auch mal Bier getrunken.“

An gelegentliche Biere mit Teubner erinnert sich auch Matthias Bölt, blauer Anzug, weißes Hemd, mit sichtbaren Löchern in den Ohrläppchen. Vor seiner Zeit als Bürgermeister arbeitete er als Projektleiter bei einem internationalen Konzern, der Minen für Offshore-Windparks räumte. Der Energiepark sei die beste Möglichkeit, das jährliche Defizit von 1,5 Millionen Euro, ein Zehntel des Haushalts, zu konsolidieren, sagt er.

Schon jetzt sei das Geld für Soziales knapp. „Ich will Havelberg wieder Spielraum und Unabhängigkeit geben.“ Zum Standort des Windparks erklärt er: „Die südliche Fläche haben wir nie in Betracht gezogen.“ Er meint die Auen. Wie Teubner kennt Bölt sie seit der Kindheit: „Ich weiß, wo das meiste Tierleben stattfindet, wo Natur zu schützen ist.“ Die Flächen im Norden aber seien unproblematisch.

Wo keine Leiche, da keine Klage

Dem widerspricht der Fledermausexperte Peter Busse, Wanderhose, T-Shirt, Trekking-Sandalen, Stunden später im Stadtwald. Seit 1995 betreut er diesen und sammelt seitdem akribisch Daten. Fledermäuse, erklärt er, seien für Mensch, Wald und Landwirtschaft lebenswichtig: „Die fressen Insekten. Ohne sie wäre deren Menge eine unerträgliche Plage.“ Wenn sie den Windrädern zum Opfer fielen, würde die Population zusammenbrechen. Er deutet in Richtung Südwesten: „Da, wo die Anlagen stehen sollen, fliegen sie durch. Die schlafen hier im Wald und finden Nahrung in den Auen.“

Er erklärt die Gefahren der Windräder: „Die ziehen durch ihre helle Farbe und Wärme Insekten an.“ Und dadurch auch Fledermäuse. Dann droht ein Rotorschlag oder ein sogenanntes „Barotrauma“: Die Druckunterschiede um die Anlagen seien so stark, dass die kleinen Tiere innere Verletzungen erlitten, oft mit tödlichen Folgen. Erschwerend komme hinzu: „Fledermäuse sind sehr sozial. Ist eine in Gefahr, dann schreit sie. Die anderen kommen sofort, um zu helfen.“ Zwei tote Tiere pro Jahr und Anlage gälten als duldbar: „Die Statistiken sagen, es sind aber 20 Tiere pro Anlage.“ Opfer zu finden sei schwierig: „Da sind Fuchs und Waschbär meist schneller.“ Die Beweisführung sei nicht leicht: Wo keine Leiche, da keine Klage.

„Wenn wir wirklich klimaneutral und autark sein wollen, wird es ohne Konflikt nicht gehen“, meint Rami Ramadan, WPD-Projektleiter des Energieparks Havelberg, in einem Video-Interview Ende Juli 2025. Die Firma gehört zu den großen Playern, mit mehr als 1400 Mitarbeitenden in 32 Ländern. „Windkraftanlagen werden oft dämonisiert“, meint er. „Es entsteht ein Bild von der Windenergie, die alles zerstört. Aber dass der Mensch die Ursache ist für die Energie, die wir brauchen, dass wir Autos fahren, dass wir die Luft verschmutzen – darüber wird zu wenig geredet.“

Am Ende des Gesprächs betont er: „Niemand nimmt bewusst Schäden an Menschen und Natur in Kauf. Wir handeln immer im Rahmen der Gesetze.“ Der Bundesgesetzgeber habe festgelegt, dass Windräder in „Landschaftsschutzgebieten“ möglich seien, bis die Flächenziele erreicht sind: „Sonst könnten wir gar nicht planen.“

Die Neutralität von Gutachten ist zweifelhaft

Martin Teubner empfindet die Stimmung in Havelberg bisweilen als unheimlich. Ende 2024 erhielt er Post von seinem Vermieter, einer Havelberger Wohnungsgenossenschaft: „Die weitere Nutzung der Wohnung zu anderen als Wohnzwecken“ könne rechtliche Konsequenzen haben, „einschließlich einer Kündigung“. Er nutzte seine Privatadresse als Sitz des Vereins Gegenwind.

Peter Busse hat das Vertrauen in die Politik verloren: „Die Naturschutzgesetze wurden in den letzten Jahren stark ausgedünnt.“ Er bezieht sich auf die Gesetzesänderungen, die Windräder in minderwertigen Wäldern erlauben – nicht nur für Fledermäuse ein Tod auf Raten. Die Anlagen zeitweise abzuschalten, ändere wenig: „Vögel und Fledermäuse müssen sich die Zeitfenster teilen“ – aber die einen seien tagsüber aktiv, die anderen nachts. Werden Abschaltzeiten nicht eingehalten, sind Ausgleichszahlungen möglich. Für Busse „ein moderner Ablasshandel: Der Betreiber zahlt in einen Topf für Artenerhalt und macht weiter“.

Auch die Neutralität von Gutachten sei zweifelhaft. Statt Busses 30-jährige Daten zu nutzen, sammelte ein Gutachter neue – nur ein paar Monate lang. Busse ist ernüchtert: „Die Politik will Fakten schaffen und weicht diese gutachterlichen Tätigkeiten immer mehr auf, die ja sowieso bloß noch Show sind, Alibi, weil der Betreiber die Gutachter zahlt.“

Monitorings seien manipulierbar, je nach Positionierung der Messgeräte, sogenannte Batlogger. „Hängt man die auf die windabgewandte Seite, hat man relativ viele Rufe. Hängen sie auf der Windseite, passiert nichts“, denn Ultraschall reicht nicht weit, das Gerät erfasst viel weniger Rufe.

„Die Windrad-Einnahmen können wir gebrauchen“

Plötzlich ruft Busse: „Eine Mückenfledermaus, ein Jungtier!“ Er hält es vorsichtig. Der fünf Gramm schwere Winzling fletscht die Zähne. „Doch kein Jungtier, ein ausgewachsenes Männchen“, erklärt Busse verständnisvoll. „Es macht jetzt Theater, ich habe es von den Weibchen weggeholt.“ Während der Paarungszeit hätten die Männchen viel Kraft: „Die sind zu Anfang proper und schwer und nachher richtige Hungerhaken, wenn die viele Weibchen durchhatten.“

Während in Havelberg die Diskussion um Windräder zwischen Fledermäusen und Politik heiß geführt wird, sind nur wenige Kilometer flussabwärts andere Realitäten Alltag. Auf dem anderen Elbufer, in Havelbergs Nachbargemeinde Arneburg-Goldbeck, stehen seit mehr als 20 Jahren Windräder, heute sind es mehr als 140. Bis auf ein Gewerbegebiet ist die Gemeinde ländlich geprägt, weite Felder liegen zwischen den Ortsteilen. Im Sommer 2025 watet ein Landwirt durch sein Weizenfeld. Alle 500 Meter ein Windrad – sie gehören mittlerweile zur Landschaft. „Die Einnahmen der Windräder können wir gut gebrauchen“, sagt er, auch wenn die Anlagen die Feldarbeit zu einem Slalom machen und die unterirdische Bewässerung stören.

Er sieht es pragmatisch: „Erneuerbare Energien sind eine Frage der Bilanz: Es gibt Gewinne und Verluste.“ Im September 2025 lädt Martin Teubner zu einer abendlichen Kanufahrt durch die Auen ein: auf der Route, die er ein Jahr zuvor mit Rami Ramadan gepaddelt ist. Er will das Einmalige dieser Gegend zeigen. Der Tag ist günstig: Es ist Brunftzeit, die Hirsche wagen sich aus der Deckung.

Zum Jahreswechsel kam es zu einem Kompromiss

Und es ist Vollmond. Gegen 19 Uhr macht Teubner Halt am Havelufer, in einer kleinen Kerbe im dichten Schilf – eine der wenigen, die nicht von Wildgänsen belegt ist. Bäume auf dem gegenüberliegenden Ufer sind von schwarzen Vögeln besetzt. „Kormorane“, sagt Teubner. Und erklärt: „Hier komme ich her, wenn ich abschalten will.“ Die Stadt ist nur als Silhouette gegen die Abendsonne zu erkennen, der Dom eine dunkle Spitze. Teubner reicht olivgrüne Masken: „Tiere erkennen menschliche Gesichter“ – und Mensch bedeute Gefahr.

Geräuschlos führt er das Kanu in die Tiefen der Auen, das mannshohe Schilf rückt immer weiter ins Wasser, die Ufer werden unerreichbar. Er passiert Wasserarme, der Himmel wird dunkler. Plötzlich deutet er auf eine Stelle: Eine Familie von Bibern, etwa sechs Tiere, trottet vor sich hin.

Erste Sterne werden sichtbar. Die Havel ist jetzt eine schwarze, absolut ebene Fläche. Kraniche ziehen lautstark durch den Himmel, der Mond geht langsam auf. Es herrscht absolute Ruhe, nur unterbrochen von kurzem Plätschern. Auf einmal raschelt es länger. Ein Hirsch, keine 50 Meter entfernt, erhebt sich über das Schilf. Wie bei einem Scherenschnitt auf dunklem Hintergrund sind Geweih, Kopf und Hals klar erkennbar. Der Hirsch wittert, regt sich nicht – seine Erscheinung wirkt majestätisch, fast surreal. Gerade noch sichtbar, ist er schon wieder verschwunden.

Zum Jahreswechsel 2025/26 kam es in Havelberg zu einem Kompromiss. Statt ursprünglich 25 sind rund 12 Windräder vorgesehen, keines davon im Wald. Abschaltzeiten sollen die Fledermäuse schützen. Der finanzielle Druck auf die Kleinstadt wächst: Das Defizit liegt inzwischen bei 2,5 Millionen Euro jährlich.

von Adrian Garcia-Landa und Eva-Lena Lörzer, erschienen in der OAZ am 6.3.26

Fotocredits: 1 – privat, 2 bis 4 Adrian Garcia-Landa


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