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Ein Plattenbau als Nachbar

Und Zack, meine erste Titelseite… im Berliner Kurier. Für ein Boulevard-Blatt hatte ich noch nie geschrieben, aber mal als Werbetexter gearbeitet. Hängt das zusammen? Inhaltlich nicht, formal ja: Aufmerksamkeit, Kürze, Würze – hoffentlich. Hier geht es um den absurden Einzelfall eines rätselhaften Bauprogramms: Die Stadt stellte einen Plattenbau ganz nah an kleine Reihenhäuser in Pankow. Privatsphäre Ade…

Anwohner in Pankow entsetzt:

Und zack: Berliner kriegen einen Plattenbau direkt vor die Nase gesetzt!

26.02.21| Von Adrian Garcia-Landa, Marita Westphal

Das war’s mit der Reihenhaus-Idylle. Statt auf ein Wäldchen schauen die Bewohner nun auf einen Plattenbau. Auch die Bewohner der MUF sind nicht begeistert. Foto: Garcia-Landa

Es ist wie in einem schlechten Film: Peter D. und Hanka G. kauften sich eine Reihenhaushälfte, freuten sich jahrelang über den kleinen Garten mit Blick auf ein Wäldchen – bis ein grauer Bauriegel mit drei Stockwerken vor ihrer Nase gebaut wurde. In nur 18 Metern Entfernung steht anstelle des Waldes jetzt ein neun Meter hoher Riegel. Mit 34 großen Fenstern. Hinter jedem Fenster ein Zimmer, in jedem Zimmer mehrere Menschen: Der Riegel ist eine Flüchtlingsunterkunft.

Das ist kein Film, sondern real. Der Schauplatz ist die Falkenbergerstraße in Pankow. Regie führte Berlin, das dort eine Modulare Unterkunft für Flüchtlinge baute, ein MUF. Insgesamt baut der Senat knapp 50 MUF, mit jeweils 40 bis 150 Wohnungen, in Summe sind das rund 6.000. Das MUF-Programm erinnert an Hollywood-Budgets: 750 Millionen Euro. Mindestens.

Keine Privatsphäre mehr

Peter und Hanka stehen Anfang Februar im Garten für ein Gruppenfoto mit ihren Nachbarn aus der anderen Haushälfte. Vier Meter hinter ihnen: die hohe Wand des MUF. Die Wirkung ist erdrückend. Die Gärten sind jetzt eine Bühne, in den Reihenhäusern fühlt man sich wie im Schaufenster, besonders nachts. Früher blickten sie auf einen Wald, heute auf eine Wand, aus der ca. 70 Menschen zurück gucken können.

Anwohner der Reihenhaussiedlung stehen in ihrem Garten. Foto: Noyz

Auch den MUF-Bewohnern ist die Nähe peinlich. Sie haben weder Rollläden noch Gardinen, also hängen sie Laken an die Fenster. Dabei sind die Baukosten der MUF sehr hoch: zwischen 1.600 und 3.500 Euro pro Quadratmeter. Genauer wird es nicht, der Senat hütet die Produktionskosten wie einen Filmstoff für einen Blockbuster.

Ein Bauprofi, der anonym bleiben will, meint zu den Summen: „Das ist fett“. Seine Baufirma macht viel in Berlin, nur günstiger. Die Kosten für vergleichbare Gebäude mit Keller, Tiefgarage und Balkone liegen zwischen 1.000 und 1.500 Euro pro Quadratmeter. Die MUF haben nichts davon – nicht einmal Gardinen.https://www.youtube.com/embed/F7UJMBtlAzo

Gericht verhängt einen Baustopp

Mehr als die Kosten ärgert Peter und seine Nachbarn das Vorgehen der Stadt: Man stellte sie vor vollendete Tatsachen. 2017 gab es Info-Veranstaltungen, aber keine Bürgerbeteiligung. Ihre Vorschläge liefen ins Leere: Kann man den Bau durchmischen, damit Geflüchtete neben Rentnern oder Studenten wohnen? Sind kleinere, hausartige Gebäude möglich? Kann man das MUF nicht drehen? Doch die Stadt schrieb ihr Drehbuch nicht um, Peter und seine Nachbarn fühlten sich wie im Stummfilm. Um sich Gehör zu verschaffen, zogen sie vor Gericht.

Zwei Bilder, die gut dokumentieren, wie sehr sich die Lage durch den Bau der MUF verändert hat. Foto: Garcia-Landa/privat

Zuerst hatten sie Erfolg. Bei der Ortsbegehung im Sommer 2017 sah der Richter vom Verwaltungsgericht M. Schubert die Nähe des MUF. Laut Zeugen meinte er: „Das ist krass“ und verhängte einen Baustopp. Doch Berlin und der Bauherr, die städtische Gesobau, gingen zum Oberverwaltungsgericht: Das wiederum stoppte den Baustopp.

„Heute gehören Sie nicht zu den Gewinnern“

Im Urteil gibt es Pointen für eine Juristen-Komödie – in diesem Genre tobt sich die Stadt gerade aus. Trotz vieler Fenster kann man sich nicht beobachtet fühlen, da „(…) Fenster üblicherweise nur für vorübergehende, gelegentliche Ausblicke genutzt werden (…)“. Heißt das, Rechtsgelehrte verweilen nie am Fenster? Der Bau sei nicht optisch bedrängend: Er wirke „nur von einer Seite“, nicht von mehreren. Der Anwalt der Doppelhaus-Bewohner, Gero Tuttlewski von Klemm + Partner, findet das nicht lustig: „Die Massivität des Vorhabens, seine Nähe, verletzen das Rücksichtsnahmegebot.“ Denn laut Gesetz müssen Bauten für Nachbarn zumutbar sein. „Unzumutbarkeit ist leider dehnbar und obliegt der Einzelfallwürdigung des Gerichts“, so Tuttlewski. Die Pointe kommt noch: Die Richter des oberen Gerichts waren nie vor Ort.

Der Bau sei optisch nicht bedrängend, heißt es. Wenn man so schaut, gewinnt man allerdings einen anderen Eindruck. Foto: Garcia-Landa

Filme brauchen Dialoge, die sitzen. Anfang 2017 sagte der Pankower Bürgermeister Sören Benn den Reihenhaus-Bewohnern bei einer Info-Veranstaltung: „Es gibt Gewinner und Verlierer – heute gehören Sie nicht zu den Gewinnern.“ Benn ist übrigens gelernter Schauspieler. Er erinnert sich nicht an den Satz, aber an die überhitzte Stimmung.

Im Januar 2021 zogen die ersten Geflüchteten ins MUF. Peter, Hanka und ihre Nachbarn beraten sich mit Fachleuten, um den Sichtschutz zu erhöhen. Das kostet, aber der Rechtsstreit kostete die Nachbarn schon weit mehr.

Der gerichtliche Kampf geht weiter, der nächste Termin steht noch aus. Wie wird der schlechte Film wohl enden?

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